Seelische Erkrankungen Effizienz um jeden Preis – Ist die Seele schnell genug?
Die stetige Veränderung und Wandlung ist ein entscheidendes Kriterium von Lebendigkeit. Zeit unseres Lebens und auch davor und danach wandeln wir uns und wandeln sich Dinge um uns herum. Veränderung und Wandlung gab es schon immer und wird es auch weiter geben. Das Besondere, das wir in den letzten Jahrzehnten erleben ist, dass sich die Veränderungen um uns herum mit einer ungeheuren Dynamik und mit großem Tempo vollziehen, so, dass wir den Dingen vielleicht noch intellektuell folgen können, aber unsere Seelen oft nicht mehr Schritt halten können und erlahmen oder streiken, im Sinne von „Neben-sich-stehen“ oder Depression oder Burnout. Die Beschleunigung des Lebens im Allgemeinen und unsere Seelengeschwindigkeit ist ein sehr weites Thema. Als bekennende Autoliebhaberin habe ich mich am Rande mit Fragen beschäftigt, ob es „Hochgeschwindigkeitsseelen“ gibt, die besonders schnell bei äußeren Veränderungen Schritt halten können, ob es „gedrosselte“ Seelen gibt, so eine Art Tempo 30 Zone für Seelen, ob Seelen beschleunigen und bremsen können bzgl. der Anpassungsleistung an Veränderung, ob sie im Winter langsamer und vorsichtiger sind als im Sommer. Ich bin zu diesen Fragen noch nicht zu einer abschließenden Meinung gekommen, habe mich dann entschieden, das Thema auf Veränderungen in der Arbeitswelt und deren mögliche Folgen einzugrenzen.
Ich möchte Ihnen in einem ersten Schritt über die Zunahme von seelischen Erkrankungen in den letzten Jahren berichten. Im zweiten Teil möchte ich einen möglichen Zusammenhang zwischen Veränderungen unseres gesellschaftlichen Alltags, insbesondere im Hinblick auf die Arbeitssituation darstellen. Im dritten Teil werde ich Ihnen Kausalitäten zwischen Veränderungen der Arbeitslandschaft und dem Anstieg von seelischen Erkrankungen aus entwicklungspsychologischer Sicht darstellen. Im vierten und letzten Teil möchte ich dann die Aufgaben der Psychotherapie in der Gegenwart und in der nahen Zukunft in dem vorab geschilderten Problemfeld darlegen. In der folgenden Darstellung habe ich versucht Ihnen das Problemfeld bildlich darzustellen:
Seelische Erkrankungen - Teil 1 Beginnen möchte ich zunächst mit einigen wenigen Zahlen und Statistiken, um das Ausmaß oder den Rahmen zu umreißen, in dem sich die psychotherapeutische Arbeit jetzt und in der nahen Zukunft zunehmend bewegen wird.
Im Jahr 2004 waren 2,9 % der Beschäftigten wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig. Der starke Anstieg der Ausfallstage aufgrund psychischer Erkrankungen ist umso bemerkenswerter, als dass Krankheitsniveau zwischen 1997 und 2004 insgesamt konstant geblieben bzw. 2004 gegenüber dem Vorjahr sogar leicht gefallen ist. Das Arbeitsunfähigkeitsgeschehen bildet jedoch nur einen vermutlich kleinen Teil des tatsächlichen Krankheitsgeschehens ab. Die Zahl der von psychischen Erkrankungen Betroffenen liegt deutlich höher, da in der Analyse der Krankenkasse nur diejenigen Erkrankungen erfasst werden, die zu Arbeitsunfähigkeitszeiten führen. Viele Beschäftigte gehen jedoch trotz vorhandener Symptomatik zur Arbeit oder können die Arbeitsfähigkeit medikamentös oder durch psychotherapeutische Behandlung erhalten.
Betrachtet man die Betroffenenquote, so ist festzuhalten, dass 2004 3,9 % der erwerbstätigen Frauen eine AU-Zeit aufgrund psychischer Erkrankungen hatten, während es bei Männern 2,2 % waren. Zu dem Geschlechterunterschied werden u.a. folgende Hypothesen formuliert:
1.
Stresshypothese:
2. Expressivitätshypothese:
3. Beziehungshypothese: Es gibt noch zahlreiche andere Hypothesen zu der Frage, warum mehr Frauen als Männer seelische Erkrankungen entwickeln. Dies ist heute nicht das Hauptthema meines Vortrages, daher möchte ich es mit den 3 Hypothesen bewenden lassen. Als Rehamedizinerin hat mich in diesem Zusammenhang auch die Frage beschäftigt, in welcher Weise sich die Zunahme der seelischen Erkrankungen auf Rehaleistung und Berentung ausgewirkt hat.
Betrachtet man die Bedeutung psychischer Erkrankungen aus unterschiedlichen Wirtschaftsgruppen, so sind insbesondere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens betroffen, gefolgt von Angestellten der öffentlichen Verwaltung und an dritter Stelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Organisationen und Verbänden (Quelle: DAK Gesundheitsbericht 2005). Den 3 Bereichen u.a. gemeinsam ist, dass es sich um Dienstleistungsbereiche handelt, wo aufgrund des Publikumverkehrs besondere Fähigkeiten im kommunikativen – und Beziehungsbereich gestellt werden.
Die Frage, ob psychische Erkrankungen tatsächlich zunehmen oder nur besser diagnostiziert oder von den Betroffenen mehr Beschwerden geäußert und die Erkrankungen eher akzeptiert werden, kann derzeit noch nicht mit Sicherheit beantwortet werden, da entsprechende Langzeituntersuchungen fehlen. Belegt ist, wie bereits oben aufgeführt, dass Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen ansteigen, ebenso wie die Inanspruchnahmequoten von Leistungen des medizinischen Versorgungssystems. Vieles spricht jedoch für eine Zunahme der psychischen Erkrankungen. Experten gehen davon aus, dass die Depression im Jahre 2020 weltweit den zweiten Rang unter den „Behinderungen verursachenden Erkrankungen“ einnehmen wird. Seelische Erkrankungen - Teil 2 Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, was sich gesellschaftlich, insbesondere in der Arbeitswelt verändert hat, um eine mögliche Erklärung für den oben geschilderten Sachverhalten zu finden:
► Verdichtung der Arbeitsanforderungen und Beschleunigung von Prozessen
→ durch Personalabbau bei gleich
bleibendem Arbeitsaufkommen findet eine allgemeine
→
Steigerung der
Arbeitsanforderung durch verstärkte Qualitätsanforderungen, mehr
→
Besonders im
Kommunikationsbereich findet sich eine erhebliche Beschleunigung der
→
Erhöhte
Ansprüche an Flexibilität (Zeitarbeitsfirmen, Projektarbeit) → Geringere Beeinflussbarkeit von Prozessen (Globalisierung, Zentralisierung ...) → Häufiger Jobwechsel, unsichere Zukunftsperspektiven, → Enger werdende oder fehlende Handlungs-, Entscheidungs- und Zeitspielräume
→ Entpersönlichte Kommunikation: Amerikanische Firma San Microsystems,
ein weltweit → Befristete Arbeitsverträge
→ Angst vor Outsourcing oder Restrukturierung mit
nachfolgenden Entlassungen: Beispiel
→ Es findet sich eine Tendenz zur Verringerung
von Festangestellten und im Einsatz → Arbeitsplatzverlust trotz hohem Engagement
→ Häufiger Wechsel von Aufgaben und
Zuständigkeiten durch Reorganisation und → Halbwertszeit von Unternehmensentscheidungen werden immer kürzer → Angst davor, die steigenden Leistungserwartungen nicht zu schaffen
→ Verlagerung von Verantwortung auf untere Ebenen
durch Profit-Center und ► Ausdünnung sozialer Bezugssysteme → Hohe Anforderungen an Flexibilität, oft auch mit Wechsel der Arbeitsorte verbunden
→ Häufige Restrukturierungsmaßnahmen und
Reorganisationsmaßnahmen verändern Teams → Zeitverträge führen zu häufigem Teamumbau
→ Da es immer noch zu wenig Teilzeitarbeitsplätze
gibt, ist Vereinbarkeit von Familie und → Wegen unsicherer Arbeitsplätze nimmt Konkurrenzverhalten und Mobbing zu → Führung orientiert sich ausschließlich an Kennzahlen und nicht an humanen Werten → Erholungsphasen werden kürzer oder verschwinden ganz
→ Veränderungen der Arbeitszeiten
(Ladenöffnungszeiten,..) belasten private soziale
→ nach Ausschöpfung aller
Rationalisierungsreserven gibt es keinen Platz mehr für bislang gut ► Geringe Wertschätzung und Belohnung
→ Geringere Wertschätzung des Einzelnen (Gehälter
runter, Ökonomisierung aller betrieblichen → Keine der Tätigkeit und dem Einsatz angemessener Entlohnung → Keine Aufstiegsmöglichkeiten (planbar) ► Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft
→ Dienstleistung geht meist mit „Kundenkontakt“
einher. Dies erfordert mehr psychische → Soziale und kommunikative Fähigkeiten werden zu wenig geschult
→ Konflikte entstehen, wenn einerseits
Kundenorientierung gefordert, andererseits die → Mehr Emotionsarbeit, die sozialer Stressor sein kann. → Kundenorientierung als möglicher Stressor. ► Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit
→ Erwartung, dass MitarbeiterInnen selbständig
Probleme lösen, zum Beispiel in dem sie auf
→ Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben
verschwinden, z.B. wenn ständige Erreichbarkeit
→ Oft unklare Zielvorgaben, die der Betroffene
nicht erreichen kann und für die er aber dann
→ Prinzip der Selbststeuerung: Ziele werden
vorgegeben, jedoch dem Einzelnen große ► Arbeitslosigkeit
→ Arbeit als sinn- und strukturgebende Tätigkeit
nicht mehr vorhanden. Der Broterwerb aus Ich möchte an dieser Stelle besonders betonen, dass die oben genannten veränderten Rahmenbedingungen nicht bei allen Menschen automatisch zu psychischen Erkrankungen führen. Erfreulicherweise schaffen die meisten Menschen noch die notwendigen Anpassungsprozesse. Was für manche eine Überforderung darstellt, ist für andere eine Herausforderung durch die sie sich angespornt fühlen. Seelische Erkrankungen sind immer multifaktoriell bedingt und müssen immer im Zusammenhang mit individuellen und persönlichen Voraussetzungen bezogen auf Kompetenzen, Ressourcen, Defizite und Schwächen gesehen werden. Trotzdem scheinen die oben skizzierten Veränderungen der Bedingungen in der Arbeitswelt bei zunehmend mehr Menschen die Anpassungs- und Kompensationsmöglichkeiten zu übersteigen und seelische Erkrankungen zu fördern. Seelische Erkrankungen - Teil 3 Um die möglichen Zusammenhänge besser zu verstehen möchte ich mit Ihnen jetzt im dritten Teil kurz die Welt der Entwicklungspsychologie besuchen, die uns, wie ich meine, Antworten gibt, inwieweit oben genannte Veränderungen für immer mehr Menschen krankmachend sind. Von Daniel Stern und Martin Dornes und anderen Babywatchern wissen wir, dass Säuglinge bereits hoch kompetent sind, wenn sie zur Welt kommen: Es gibt das Paradigma des aktiven, kompetenten Säuglings, der von der ersten Lebensminute aus sich heraus aktiv und konstruktiv danach strebt mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, sich diese anzueignen und letztlich über Kontrollerfahrungen Sicherheit in dieser Umwelt zu gewinnen. Bereits vor der Geburt ● machen Embryonen erste Sinneserfahrungen
●
kommt es zum Aufbau von
strukturierten, neuronalen Netzwerken durch Erfahrungen und ● ist eine frühe Eigenaktivität zu beobachten. Nach der Geburt ● kommuniziert der Säugling präverbal und selbstaktiv mit den Bezugspersonen
●
verfügen die Säuglinge über
einen relativ differenzierten Wahrnehmungsapparat und können
●
Säuglinge verfügen von
Geburt an über ein differenziertes Grundmuster von Affekten wie
●
Säuglinge sind mit einem
hohen Maß an Energie ausgestattet, sie besitzen eine Grundtendenz Man kann also von einer grundsätzlichen Tendenz des Kindes ausgehen, die Welt erobern zu wollen, sie zu meistern und Mängel zu kompensieren und sich nicht von der Welt zurückzuziehen. Die Bildung der inner-psychischen Struktur, der Selbststruktur (als handlungsleitende Instanz) vollzieht sich in der Auseinandersetzung des Säuglings bzw. des erwachsenen Menschen mit der Umwelt über die Bildung von Erfahrungen, die dann inner-psychisch präsentiert werden. Hüther (2004) definiert den Begriff „Erfahrung“ als das „im Gedächtnis eines Individuums verankerte Wissen, die in seinem bisherigen Leben entweder besonders erfolgreich oder besonders erfolglos eingesetzten, und in dieser Weise immer wieder bestätigt befundenen und deshalb auch für die Lösung zukünftiger Probleme als entweder besonders geeignet bzw. ungeeignet bewerteten Strategien des Denkens und Handelns. Solche Erfahrungen sind immer das Resultat der subjektiven Bewertung der eigenen Reaktion auf eine wahrgenommene oder als bedeutend eingeschätzte Veränderung der Außenwelt. Dabei sind die wichtigsten Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens machen kann, psychosozialer Natur. Zu beachten ist dabei, dass die einmal gebildeten Strukturen und neuronalen Netzwerke, sofern sie einmal gefestigt sind, aus Gründen der mentalen Ökonomie relativ konservativ sein müssen. In den ersten beiden Lebensjahren bildet sich eine große Anzahl an Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn aus – wesentlich mehr als später benötigt werden. Danach wird ausgelichtet. Nur die Kontakte bleiben erhalten und verstärken sich, die immer wieder benötigt werden; die anderen verkümmern. Mit der Pubertät ist dieser Prozess im Wesentlichen abgeschlossen: Dem Erwachsenen steht ein gut eingefahrenes, aber auch weniger anpassungsfähiges Nervennetz zur Verfügung. In diesen neuronalen Netzwerken sind die Bindungs- und Erziehungserfahrungen der frühen Kindheit niedergelegt. Wichtige Variablen dieser frühen Interaktionsprozesse sind unter anderem Empathie und Feinfühligkeit, das Ermöglichen von Regelmäßigkeiten, das adäquate Spiegeln der Lebensäußerungen des Kindes und entsprechende soziale Rückversicherung. Drei Faktoren kommen besondere Bedeutung zu: a) dem Erfahren sicherer Bindung b) der Unterstützung kindlicher Emotionsregulation und Affektabstimmung c) dem Erleben von Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Insbesondere das Erfahren einer sicheren Bindung ist die Basis für Neugierverhalten und eine „offene Weltbegegnungshaltung“. Eine unsichere Bindung an sich ist noch nicht als pathologisch zu betrachten, stellt aber möglicherweise eine Ursache für die Entwicklung defensiver Handlungsstrategien beim Umgang mit neuen Anforderung dar. Bezogen auf Kontrolle und Selbstwirksamkeit ist zu sagen, dass ein Individuum insbesondere in den ersten Lebensjahren eine Grundüberzeugung darüber entwickelt, inwieweit das Leben einen Sinn macht, ob Voraussehbarkeit und Kontrollmöglichkeiten bestehen, ob es sich lohnt sich einzusetzen und zu engagieren. (Kohärenz nach Antonovsky) Diese lebensgeschichtlichen Erfahrungen führen zu bestimmten Erwartungen, in welchem Ausmaß dieses Grundbedürfnis befriedigt wird. Selbstwirksam sein heißt, aufgrund bisheriger Erfahrungen auf seine Fähigkeiten und verfügbaren Mittel vertrauen zu können und davon auszugehen, ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen am Ende tatsächlich erreichen zu können. Eine große Bedeutung haben dabei die Erwartungen, ob das eigene Handeln zu Effekten führt oder nicht. Diese Erwartungen steuern schon im Vorherein das Herangehen an Situationen und Aufgaben, damit auch die Art und Weise der Bewältigung und führen so oftmals zu einer Bestätigung des eigenen Selbstwirksamkeitserlebens. Der Mangel an Selbstwirksamkeitserleben und an Kontrollerfahrungen kann auch im Erwachsenenalter zu erheblichen psychischen Krisen führen. Bevor ich mit der Entwicklungspsychologie schließe, möchte ich Ihnen noch kurz zusammenfassend Variablen beschreiben, die für eine förderliche Entwicklung von Kindern hilfreich sind:
→
Sicherheit gebende und
stabile, verlässliche Beziehungen zumindest einem erwachsenen
→
Die Bezugspersonen sollten
feinfühlig sein, ein emotional warmes aber auch klar → Sie sollten bei der Selbstregulation Unterstützung geben
→
Es sollten soziale Modelle
angeboten werden, die ein angemessenes Bewältigungsverhalten → Kinder sollten frühe Möglichkeiten zu Selbstwirksamkeitserfahrungen haben → Sie sollten anregende Bedingungen haben, um kognitive Kompetenzen entwickeln zu können
→
Sie sollten Möglichkeiten
zur Entwicklung eines Kohärenzgefühls haben. Gemeint ist damit, die → Sie sollten unter guten und sicheren sozioökonomischen Bedingungen aufwachsen Die hier geschilderten günstigen Bedingungen für Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten bei Kindern gelten auch für gesunde soziale Bedingungen im weiteren Erwachsenenleben. Hatten Kinder die Chance unter diesen günstigen Bedingungen aufzuwachsen, sind sie als Erwachsene häufig resilient genug, um trotz erschwerter Bedingungen in der Arbeitswelt seelisch gesund zu bleiben. Waren die Bedingungen der Entwicklung eher ungünstig, so sind die Menschen im Erwachsenenalter möglicherweise eher vulnerabel für die Entwicklung seelischer Erkrankungen, wenn sich die gesellschaftlichen und Arbeitsbedingungen wie oben geschildert verändern. D. h., dass ihre Bewältigungskompetenz und ihre Bewältigungsfähigkeiten, bezogen auf neue Anforderungen und Anpassungsleistungen, im Arbeits- wie im Privatleben möglicherweise nicht ausreichen und so seelische Erkrankungen entstehen können. Lassen Sie mich dazu einige Beispiele entwickeln: Wir haben aus der Entwicklungspsychologie gelernt, dass es für Kinder wie für Erwachsene wichtig ist, Dinge kontrollieren zu können und die Erfahrung zu machen, Dinge beeinflussen zu können, also selbst wirksam zu werden. Betrachten wir als Beispiel, was sich derzeit bei T-Com abspielt. Der Vorstand plant 50000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszugliedern in eine neue Firma in der sie die gleiche Arbeit für weniger Geld machen sollen, weniger Urlaub bekommen und schneller kündbar sind. Betroffen sein werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter völlig unabhängig davon, ob sie sich bisher in besonderem Maße für die Telecom engagiert haben oder nicht. Diese Entscheidung ist für den Einzelnen nicht kontrollierbar, war nicht vorhersehbar, auch wenn er oder sie sich wehrt, möglicherweise mit gewerkschaftlicher Unterstützung, wird dies nichts verändern. Es werden also keine Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht und die Wertschätzung der geleisteten Arbeit sinkt in Form einer geringeren Entlohnung. Manche der Betroffenen kommen damit irgendwie zurecht, andere werden sich ohnmächtig fühlen, die Vorgänge als persönliches Versagen werten und als Folge möglicherweise Depressionen oder Angsterkrankungen entwickeln. Lassen Sie mich ein anderes Beispiel anführen: Wir haben im vorausgegangenen Teil uns damit befasst, dass stabile soziale Bindungen für seelische Gesundheit wichtig sind. Das gilt sowohl für das private wie auch das Arbeitsleben. In den letzten Jahren finden wir auch bei den Dienstleistern eine Zunahme von Zeitverträgen. So werden z.B. in Kliniken teilweise Pflegekräfte, aber auch andere Berufsgruppen mit 4 oder 6 Monatsverträgen eingestellt mit der Option jederzeit auf verschiedenen Stationen eingesetzt werden zu können. Da besonders in der Pflege die Teamarbeit für den reibungslosen Ablauf der Arbeit einen hohen Stellenwert hat, das Team gleichzeitig bei der Arbeit mit Schwerstkranken einen hohen Wert in puncto Psychohygiene und emotionale Entlastung hat, sind die Anforderungen an „KurzzeitarbeiterInnen“ also an solche mit 4-Monats-verträgen wie auch an die Teams besonders hoch. Vertrauensvolle soziale Beziehungen, die besonders auch in der Arbeit mit kranken Menschen wichtig sind, entwickeln sich nicht in der Geschwindigkeit, wie kurz befristete Arbeitsverträge oft enden. Außer der hohen Flexibilität und Anpassungsleistung derer, die wechselnde befristete Verträge haben, ermüden oft auch die Teams, wenn sie immer wieder „Neue“ für einen kurzen Zeitraum integrieren sollen und bieten dann nicht mehr ausreichend soziale Unterstützung. Dies kann bei den ZeitarbeiterInnen zu Überforderung und Überlastung und zu einem Gefühl von Nichtdazugehören führen, was letztendlich Depressionen zur Folge haben kann. Als letztes Beispiel vielleicht noch ein paar Gedanken zur Affektabstimmung und Affektkontrolle: Die Hinwendung zur Dienstleistungsgesellschaft erfordert von immer mehr Menschen die Arbeit mit Kunden von deren Zufriedenheit letztendlich oft der eigene Arbeitsplatz abhängig ist. Gleichzeitig werden im Bereich Dienstleistung die zeitlichen Ressourcen aus Gründen der Profitabilität immer mehr verknappt. Nehmen wir als Beispiel die Altenpflege. Sowohl ambulant, wie auch stationär reichen die kalkulierten Pflegezeiten knapp, um die unbedingt notwendige Körperpflege auszuführen. Die meisten Pflegekräfte sehen die Bedürfnisse der zu Pflegenden nach darüber hinaus gehenden mitmenschlichen Kontakt und sehen auch selbst die Notwendigkeit, können dies aber nicht anbieten, weil dafür keine zeitlichen Ressourcen eingeplant sind. Dies setzt viele unter einen ungeheuren Druck und unter ungeheure Anspannung, was oft mit Ohnmachtsgefühlen einhergeht und die sich in Form aggressiver Übergriffe gegen die zu Pflegenden äußern kann oder aber häufiger in Form von Depressionen oder Somatisierungsstörungen kanalisiert wird. Seelische Erkrankungen - Teil 4 Ich möchte nun zum vierten Teil kommen, indem ich versuchen möchte, Strukturmerkmale erfolgreicher Psychotherapie für Patientinnen und Patienten darzulegen, die wegen arbeits- oder umweltbezogener Überforderung durch Veränderung seelische Erkrankungen entwickelt haben. Es ist vielfach empirisch abgesichert, dass eine wesentliche Grundlage für eine Erfolg versprechende Psychotherapie eine gute Beziehung zwischen Therapeutin/Therapeut und Patientin/Patient ist. Von therapeutischer Seite her gelten für eine gute therapeutische Beziehung folgende Kennzeichen:
☻Respektvoller
und wertschätzender Umgang Auf Seiten der Patientin/des Patienten gelten folgende Merkmale
☻Wertschätzender,
respektvoller Umgang Mit der guten therapeutischen Beziehung als Grundlage entwickelte Grawe aus zahlreichen Metaanalysen ein Therapieschulen übergreifendes Konzept von 4 Wirkfaktoren in der Psychotherapie:
Der zweite Faktor wäre die aktive Hilfe zur Problembewältigung. Dabei geht es um ein reales, praktisches Arbeiten an der Lösung des Problems, inklusive die Etablierung auf der Verhaltensebene. Dazugehörige Elemente:
4Schwierigkeiten
ernst nehmen Im folgenden Schritt, in dem der Klärung geht es darum, dass die Patienten sich über sich selbst klar werden sollen, neue Zusammenhänge sollen erkannt und hergestellt werden und Unbewusstes soll zum Bewussten werden. Hier geht es mehr um das Arbeiten an den inneren Prozessen, an der Bewusstmachung innerpsychischer Konflikte und darum mehr „das Eigene sehen zu können“. Dieser eher tiefenpsychologisch fundierte Schritt könnte z. B. hilfreich sein, wenn es einem Patienten oder einer Patientin schwer fällt, seine Arbeit „gut zu verkaufen“ und deutlich wird, dass die Ursache in einer früh gebahnten Hemmung und Selbstwertproblematik liegt. Im folgenden Schritt der prozessualen Aktivierung geht es darum, diese alten innerpsychischen Schemata durch die Kopplung mit aktuellem Erleben und Emotionen zur Aktivierung zum Schwingen zu bringen und damit einen Umbau zu ermöglichen. Dies geschieht durch die Organisierung korrektiver Erfahrungen, dadurch, dass den Patienten die Möglichkeit gegeben wird sich neu zu erleben (auch im Handeln), durch gezieltes Anlegen von Denken, Fühlen und Handeln, durch ein von bisherigen Mustern abweichendes Verhalten der Therapeutin, auch durch Konfrontation, durch Abweichen vom normalen Erregungsniveau, durch Ausnahmen vom Alltäglichen in dem zum Beispiel Anstöße für Veränderungen gegeben werden. Prozessuale Aktivierung kann in ambulanten wie auch in stationären Therapien stattfinden. Im stationären Bereich bieten sich Alltagssituationen aus dem Klinikleben mit Mitpatientinnen und Mitpatienten an, die sich häufig kurzfristig in den Einzel- oder Gruppentherapien aufgegriffen und fokussiert werden können. Bei der Arbeit mit Patientinnen und Patienten die wegen arbeitsbezogener und aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen entwickelter seelischer Erkrankungen zur Therapie kommen, kristallisieren sich meines Erachtens nach vier Hauptthemenfelder heraus:
1.
Verbesserung der Abgrenzungsfähigkeit zwischen Privat- und Berufsleben und Zu 1.: In Zeiten zunehmender beruflicher Belastung ist es von großer Bedeutung private Ressourcen zum Kraft schöpfen und zum entspannen zu pflegen. Hierzu gehört auch im Zeitalter von Computertechnologie, dass die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt stabil bleibt und nicht diffundiert (Chatroom, Partnersuche per PC, Real-life , Cybergesellschaft, Netikette, Netizen, Regular, Newbie, n00b, Internetsucht:7-12 % der User: PIG: Path.-Internet-Gebrauch). Zu 2.: In Zeiten erhöhter Anforderung an Flexibilität und Anpassungsleistung ist es unbedingt notwendig die Vielfalt akzeptieren zu lernen, auch in dem Sinne, dass es für ein Problem möglicherweise mehrere Lösungswege gibt. Lebensentwürfe müssen häufiger neu entwickelt werden, da aufgrund sich ständig verändernder Bedingungen die längerfristigen Planungen oft keinen Bestand mehr haben können (Wechsel des Berufes, der Arbeitsplätze, Pachwork-Working) Vielfalt muss entängstigt und als Chance begriffen werden. Zu 3.: Ungewissheit wird in Zukunft eine der wenigen Gewissheiten sein. Da sich Arbeitsprozesse und Planungen durch Globalisierungen und Großkonzerne immer mehr der Kontrolle des Einzelnen entziehen und demzufolge auch die Berechenbarkeit von beruflichen Karriereplanungen abnimmt ist es für viele Menschen erforderlich zu lernen, mit der Ungewissheit zu leben. Im therapeutischen Arbeiten ist es daher wichtig, Patienten im Selbstwert und der Ich-Stabilität zu stärken, da Ich-stabile Menschen durch Ungewissheit weniger zu ängstigen sind und ihnen daher der Umgang damit leichter fällt. Zu 4.: Da in unserer Gesellschaft viele Menschen ihren Lebenssinn über Leistung im Bereich bezahlter Arbeit definieren, ist es in Zeiten großer Arbeitsplatzunsicherheit oder bei Arbeitsplatzverlust besonders wichtig, alternative tragende Sinnsysteme zu entwickeln, um sog. Sinnkrisen oder depressiven Entwicklungen vorzubeugen oder zur Heilung beizutragen. Die betroffenen Menschen können sich im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeit oder gesellschaftlicher Arbeit engagieren, wie z.B. Arbeit in Vereinen, Vorlesen im Kindergarten oder Altenheim, einkaufen für alte oder kranke Menschen, etc. Anderen sind spirituelle Wege hilfreich. Wichtig erscheint mir, dass es gelingt, den Selbstwert von der bezahlten Arbeit zu entkoppeln. Die therapeutischen Konzepte der Zukunft werden sich mit diesen Fragestellungen aus meiner Sicht eingehender befassen müssen. Wir werden weniger gefordert sein intrapsychische Konflikte mit den Patientinnen und Patienten zu bearbeiten. Natürlich können wir den Verlust des Arbeitsplatzes im analytischen Sinne deuten als Verlust der nährenden Mutter. Meine Vorstellung ist allerdings, dass wir unmittelbarer ansetzen sollten, indem wir z.B. die Ohnmachtserfahrung des Arbeitsplatzverlustes entindividualisieren, indem wir die Bewältigungsmechanismen stärken, indem wir Möglichkeiten von Selbstwirksamkeit aufzeigen oder in der therapeutischen Arbeit erfahrbar machen, indem wir Kontrollerfahrungen aufzeigen und den Selbstwert der Menschen, die uns zur Therapie aufsuchen stärken. Neben diesen beruflich-therapeutischen Aufgaben sehe ich unsere Aufgaben auch darin, sich gesellschaftlich dafür einzusetzen, dass die Arbeitswelt wieder mehr humanitären Kriterien gehorcht, dass zum Beispiel Entscheidungen nicht ausschließlich nach Kennzahlen und Wertschöpfung im streng kapitalistischen Sinne getroffen werden, sondern auch soziale und humanitäre Aspekte in der Wirtschaft und in der Politik wieder eine wichtigere Rolle spielen. Verpassen Sie nicht meinen Betrag "Seele und Herz - Über die Wiederentdeckung einer lange vergessenen Paarbeziehung" Mit den besten Wünschen für Ihr seelisches und körperliches Wohlergehen
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med. G. Fröhlich-Gildhoff
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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